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Coole Yuppies tragen Pali

Von einer Freundin bekam ich zwei Links geschickt, die einem die Sonderlichkeiten des mittelmäßigen Modegeschmacks aufzeigen. Bei einem Online Versand bestellbar, bei einem anderen als Accessoir platziert und unter dem Stichwort „herrlich einfach“ zu finden: das Palituch.

Es muß nicht immer der glatte
Harvard-Stil sein – Auch leises
Rebellentum mit Anstand überzeugt.
Ein Trend, der sich völlig
unkompliziert stylen lässt.

Keine Frage: Das Palituch ist ein Kleidungsstück mit Geschichte. In den 30ern von Amin el-Husseini eingeführt, stand es für den Widerstand gegen die „kulturelle Moderne“ des Westens. Besonders die deutsche Linke griff diese Thematik in den 70ern auf und ließ sie in ihre eigene Revolution einfließen. Ein solches Symbol für das Radikale, dessen ursprüngliche Konnotation zunehmend verblasst und sich rebellisch-nostalgisch in bunten Farben in das Modegeschehen einfügt, kann Dich durchaus auch heute noch in sehr interessante Gespräche verwickeln. Just to let you know.

Jaja, so ist sie, die deutsche Mitte. Immer rebellisch und revolutionsbereit. Natürlich muss das auch in Zeiten hochkomprimierter Stylecodes nach außen kommuniziert werden. Schließlich steckt die Mitte in einem anstrengenden Strom aus Information, Lifestyles und tollen Lebensentwürfen, der neben dem Basteln an der eigenen individuellen Karriere am Laptop ein Hoch an intellektueller Leistung abfordert – was sie als Revolutionsführer mehr als qualifiziert. Im dekodieren der Oberflächlichkeiten, einem beiläufigen Task im Betriebssystem der digital Bohéme, ist jeder dankbar, dass die sogenannte Postmoderne den Mythos anbietet alles mit allem kombinieren zu können, ohne auf ursprüngliche Bedeutungen achten zu müssen – frei nach Benjamin’s Kunstwerk im Zeitalter der industriellen Reproduktion muss das Original nur oft genug kopiert werden, um sich selbst seines Inhalts zu entleeren und als leere Hülle einen praktischen Behälter für hippe zeitgemäße Codes zu liefern.

Eine verblassende Konnotation verschwindet jedoch nie ganz im Signifikat. Wie spätestens seit Roland Barthes bekannt behält dieses augenscheinlich vorher entleerte und mit neuen spannenden Geschichten aufgefüllte Tuch seine ursprüngliche Bedeutung durchaus versteckt weiter – nähren sich doch alle neuen Mythen daraus. Jede neue Bedeutung baut auf der ursprünglichen auf und ist ein Kind derer. Das Revolutionstuch der Antisemiten findet in der Postmoderne genau dort seinen Hipnessfaktor, wo seine ursprüngliche Konnotation auf fruchtbaren Boden fällt: im stylischen Mitte, am modernisierten rechten Rand und in der deutschen Linken. Antisemitismus hat seinen braunen Makel versteckt und es gibt ihn jetzt in tollen lustigen Farben beim Modedealer deines Vertrauens.

Nun könnte man diese Betrachtung als übersensible paranoide Reaktion auf etwas abtun, was ja allseits lang bekannt ist: der Kapitalismus integriert früher oder später alles in seinen Verwertungskreislauf, was den Anschein auf Gewinn verspricht und nimmt dabei wenig Rücksicht auf ursprüngliche Bedeutungen. Die deutsche Mitte, in ihrer Mittelmäßigkeit nicht unbedingt motiviert, sich mit Details aufzuhalten, wenn es doch reicht den eigenen Status nur gegenüber der Mitte selbst zu kommunizieren, weist auf die politische Entwertung durch den Massenmarkt, das etablierte und von jeher gängige Sampling in der Modewelt, die ja selbst nur um ihrer eigenen Oberflächlichkeit willen da ist, oder das Spiel mit den Zeichen als Variablen der eigenen Individualitätsfindung hin. Auf den ersten Blick scheint das auch plausibel. Im Medienrummel von Pop und Kommerz wird schließlich offen damit kokettiert beliebig oft Äußerlichkeiten neu anzuordnen oder auszutauschen, um gewünschte Images zu generieren und glaubhaft zu vermitteln. Die generierten Konstrukte existieren in ihrer medialen Hyperrealität glaubhafter und eigenständiger als ihr Vermittler, der als Trigger in die außermediale Welt nicht etwa die Farce aufdeckt, sondern vielmehr die Grenzen verwischt. Durch den offenen Umgang der ständigen Neuerfindung und damit verbundenem Erfolg in Form von Medienpräsenz entstand die Maschine, die Bordieu’s Übernahme der Wirklichkeitsempfindung durch die Hyperrealität eine Praxis verleiht. Die retuschierten Abbilder der Models stellen das Schönheitsideal, an dem trotz offensichtlicher Falschheit die Selbstbilder der Nachahmer zerbrechen. Die Erhöhung in die Hyperwirklichkeit schafft den Fetisch, mit dem sich Umsätze und Gewinne generieren lassen. Dieser Abriss offensichtlicher und deshalb auch bekannter Praxis erklärt noch nicht, wieso das Palituch nicht einfach ein in sich bedeutungsloser weiterer kurzfristiger Modegag ist, sondern offenlegt, dass die deutsche Mitte trotz obligatorischem Leugnen dankbar Antisemitismus als neuen Stylefaktor zelebrieren kann.

Der offene und für jeden nachvollziehbare Vorgang medialen Spektakels weist jedoch alles auf, was nach Johan Huizinga zu einem Spiel gehört. Eine definierte unabhängige Spielwelt, ein Regelwerk, an das sich alle Spieler halten, Befriedigung in sich selbst und Abgelöstheit von realen Gegebenheiten. Die Parallelwelt des Spieles duldet keine Kritik von außen, was ihre Regeln betrifft. Jede Intervention muss von einem Spielverderber kommen, der alle Akteure ihrer Welt berauben, die für das Spiel nötigen und akzeptierten Regeln ändern und folglich das Spiel an sich gefährden will. Im Gegensatz zu Falschspielern, die in ihrem Betrug die Regeln immer noch anerkennen, das Spiel an sich nicht gefährden, bewegen sie sich doch selbst innerhalb dessen, muss der Spielverderber mit der Ignoranz und der geschlossenen Sanktionierung aller Akteure rechnen. Das Spiel und seine Spieler entziehen sich per se der Kritik.

Diese Mechanismen treten auch in den Reaktionen auf Kritik an der Integration des Palituches in das farbenfrohe Spiel der Modewelt auf. Das Tuch sei doch nur ein Stück Stoff in das man nicht zwanghaft etwas hineininterpretieren müsse, und wenn es doch noch eine immanente Bedeutung hätte, dann wäre die Präsenz in einer (selbstempfunden) unpolitischen Masse und die politische Entwertung durch industrielle Massenreproduktion doch der richtige Weg, um das Tuch nicht als Identifikationsmerkmal judenfeindlicher Strömungen stehen zu lassen. Genau hier tritt jedoch die Ursprungsmotivation der Träger zu tage. In der Öffentlichkeit des Spiels und seiner Komponenten macht genau das Versteckte das Tuch zum sexy Modeaccessoire für die Mitte. Nicht ohne Grund wurde genau dieses aus einem Pool unzähliger Zeichen und Utensilien revolutionärer Geschichte erwählt. Es eröffnet Möglichkeiten zielgerichteter Anschlußkommunikation und ruck zuck ist der Träger in interessante Gespräche mit coolen derealisierten Magdeburgern verwickelt, die auch gleich ein paar nette Faschisten mit an den Tisch bringen, welche sich für die besseren Ideen der Magdeburger GIS begeistern konnten. Im Kokettieren mit der antisemitischen Konnotation erhält das Tuch seinen Mehrwert, der es aus dem Angebot des Pools heraushebt und nicht etwa die Solidarisierung mit palästinensischen Flüchtlingsschicksalen sondern der Bruch des Tabus offen gezeigter antijüdischer Codes generiert seinen Reiz. Nicht ohne Grund verweist schon der Verkaufstext der Yuppie-Modeschmiede Hüftgold auf El Husseini, bei dem offensichtlich historisch keine israelkritische Position politischen Agierens des Staates vertreten werden konnte, sondern ganz klar judenfeindliche Standpunkte eine Rolle spielten. Genau in der Verteidigung des Spieles der Mode-Yuppies gegen spielverderberische Einwände tritt eine Verteidigung antisemitischer Perspektiven zu tage, die auch den kritischen Punkt kennzeichen, der Intervention zur Notwendigkeit werden lässt. Wie Huizinga schlüssig darlegt ist das Spiel nicht Produkt kultureller Äußerung, sondern generiert selbst Kultur.

Spielerisch erprobte Integration des offenen Antisemitismus in die alltägliche kulturelle Praxis entlarvt jedoch den Status Quo gesellschaftlicher deutscher Mitte.

Dazu bekam ich von einem Bekannten eine nette satirische Umsetzung zugesandt, man achte auf den Verkaufstext:

Keine Frage: Die Hakenkreuzbinde ist ein Kleidungsstück mit Geschichte: In den 30ern von Adolf Hitler eingeführt, stand es für den Widerstand gegen die Volkszersetzung durch die Juden. Besonders die deutsche Linke und Rechte griff die Thematik in den späten 90ern auf und ließ sie in ihre eigene Revolution einfließen. Ein solches Symbol für das Radikale, dessen ursprüngliche Konnotation zunehmend verblasst und sich rebellisch-nostalgisch in bunten Farben bald in das Modegeschehen einfügt, kann Dich durchaus in sehr interessante Gespräche verwickeln. Just to let you know.