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Eva und das mittelmäßige Spektakel

Eva Hermann war bei Kerner. Jeder hat inzwischen etwas dazu geschrieben, ich wollte aber ein wenig abwarten, wie die Sicht auf dieses gut inszenierte mediale Spektakel ausfällt. Wie zu erwarten ist der Konsens der bürgerlichen Mitte sowie ihrer Medien, dass Eva Hermann spätestens mit ihrem Autobahneinwurf das absolute Feindbild der Sendung stellt. Die Autobahn war aber das Beste, was die Hermann in dieser Sendung angebracht hat.

Nun müssen die seltsamen und zum Teil doch wirren Ideologien, die Eva Hermann zu ihren Büchern zusammenschustert hier nicht besprochen werden, liegt doch das eigentliche Moment der Entlarvung falscher Einstellungen in ihrem letzten Einwurf, bevor sie aus der Sendung gebeten wurde. Eva Hermann hält der in der Show versammelten bürgerlichen Mitte, obwohl historisch nicht korrekt, den Spiegel vor, der das Spektakel eines mittelmäßigen antifaschistischen Tribunals enttarnt. Einschaltquoten sichernd war von vornherein klar, dass Kerner dieses Thema zur selbstgerechten Darstellung der Konsensmehrheit nutzt – spätestens wenn betrachtet wird, wer in welcher Rolle in die Sendung geladen wurde. Die große Feministin Senta Berger, die tadellose Margarethe Schreinemakers, die intellektuelle Keule – Prof. Wippermann und Mario Barth als… – ja als was eigentlich? Repräsentativ hat sich also ein als sehr fachkundig bekanntes Tribunal gebildet, um die Hermann zu läutern. Ein zusammengewürfelter Haufen Stars, die als mittelmäßige Identifikationsobjekte dienten.

Gute Vorraussetzungen also, um das Produkt „Johannes B Kerner Show“ dem Ziel bester Einschaltquoten entgegenzuführen. Die Kalkulation ging auf, nur findet die Sendung ihren einzigen Mehrwert in dem Spektakel dieser Gesellschaft. In der ganzen Oberflächlichkeit, im Konsumanspruch einer Unterhaltungssendung, betrachtet sich die Mitte selbst und weiß: mit ihr ist alles in Ordnung, das kann schließlich jeder durch die repräsentative Sendung mit vorgeblich antifaschistischen Darstellungen sehen. In der Ware „Johannes B Kerner Show“ schaut sich die Konsensgesellschaft selbst in einer von ihr geschaffenen Welt an. In der Hyperrealität ihrer Repräsentation zeichnet sie ein Bild von sich selbst, welches sie in der Realität nie einlösen könnte. Damit illustriert diese Sendung Guy Debord’s Spektakeltheorie:

Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog.

Das Spektakel ist der Moment, worin die Ware zur völligen Besetzung des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist. Das Verhältnis zur Ware ist nicht nur sichtbar geworden, man sieht sogar nichts anderes mehr: Die Welt, die man sieht, ist seine Welt.

Eva Hermann spielt ihre Rolle im Spektakel in der zu erwartenden Weise. Spätestens als sie mit dem völkisch motivierten Einwurf „Wir sterben aus“ auftritt erreicht dieses seine geschlossene Illusion. Alles sah danach aus, als ob die Repräsentation des antifaschistischen Gerichtshofes sein berechtigtes Bild zeichnete. Doch auf einmal kommt die Hermann mit der Autobahngeschichte. Historisch nicht korrekt – also wird sie für die Mitte völlig undiskutabel. Im Überschwang des Erfolges der Inszenierung tut Kerner das, was ihm als logische Konsequenz erschien: er schickt sie weg. Doch diese Logik stimmt nur im Spektakel selbst, wenn die Mitte von ihrem eigenen idealisierten Bild überzeugt ist. Tatsächlich zeigt sich eine Unwilligkeit auf, sich mit der eigenen nationalsozialistischen Geschichte und dessen Erbe auseinanderzusetzen. Die historische Falschheit von Hermann’s verkürzter Aussage setzt den Anker für eine Verweigerungshaltung.

Die Pläne des Autobahnbaus stammen aus der Weimarer Republik, die erste Autobahn wurde zu ihrer Zeit von Konrad Adenauer bei Köln eingeweiht. Bis dahin geht die Geschichtskenntnis der Mitte, um sich jeglicher Auseinandersetzung zu entziehen. Jedoch lagen die Pläne des Autobahnbaus nicht ohne Grund nur in der Schublade der Weimarer Republik. Der infrastrukturelle Fokus lag auf dem Schienennetz, dem Automobil wurde nicht die Bedeutung zugemessen, die einen Bau eines umfangreichen Autobahnnetzes berechtigen würde. Erst mit den Nationalsozialisten findet ein Paradigmenwechsel bei der Infrastruktur statt. Für die Nazis war die Autobahn so wichtig, dass sie Adenauer’s Abschnitt zur Landstraße erklärten und Hitler als Begründer der Autobahn inszenierten, ein Mythos, dem anscheinend auch Eva Hermann erlag und der ihren Rauswurf aus der Sendung begründete. Im dritten Reich wurde jedoch der Grundstein für ihre Mehrwertsversprechen gelegt, die zu ihrer Bedeutung in der Nachkriegszeit bis heute ihren Fetisch begründen. Die Autobahn verkörperte die Freiheiten des sogenannten Wirtschaftswunders – auf keinen Fall ist so was den Nazis zu überlassen – zum Glück gab es schon vorher Baupläne. In der Auseinandersetzung mit dem Paradigmenwechsel wäre aber auch das Eingeständnis gekommen, dass noch anderes zum Erbe der Nationalsozialisten kommt: Ehegattensplitting, Kindergeld, die Übernahme von Nazis in gesellschaftliche Funktionen. Aber es kann nicht sein, was nicht sein darf! In dieser Tradition steht auch Oettingers Versuch der Reinwaschung Filbingers.

Die Entfremdung des Zuschauers […] drückt sich so aus: je mehr er zuschaut, um so weniger lebt er; je mehr er akzeptiert, sich in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses wiederzuerkennen, desto weniger versteht er seine eigene Existenz und seine eigene Begierde. Die Äußerlichkeit des Spektakels […] erscheint darin, daß seine eigene Geste nicht mehr ihm gehört, sondern einem anderen, der sie ihm vorführt.

Die mittelmäßige Repräsentation in der Sendung lebt in ihrer Hyperrealität das vor, was gesellschaftlicher Konsens sein soll: wir sind gut, wir haben aufgearbeitet und wir sind bewusst antifaschistisch. Dabei versucht sie durch eine operationale Schließung jede weitere kritische Betrachtung jenseits ihrer eigenen Vorstellung von Antifaschismus auszuklammern. Die versammelten Medienstars in ihrer Rolle als gesellschaftliche Vertreter stecken das Spielfeld ab und illustrieren die Regeln. Doch:

In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.

Eva Hermann zeigte dem Tribunal seine Unwilligkeit auf, sich ernsthaft mit nationalsozialistischem Erbe jenseits der Schlagwörter auseinanderzusetzen und ließ das Gebäude des Spektakels in sich zusammenstürzen.

Eine weitere Sichtweise völlig anderer Argumentation mit ähnlichem Ergebnis habe ich auf http://myblog.de/nichtidentisches gefunden und möchte diese auf keinen Fall vorenthalten.