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unbewusste Selbstproletarisierung als emanzipatorischer Fauxpas

Hier im Blog schon mal als äußerst bemerkenswerten Gedankengang Gerhard Hanlosers erwähnt, folgt nun eine eingehendere Betrachtung des unreflektierten Konstrukts. Hier noch mal der Schlüsselsatz des Pamphlets:

Ganz im Gegensatz dazu kommen die demonstrierenden Palituch-Kids meist aus gutbürgerlichen Elternhäusern, von denen sie sich abzusetzen trachten. Bei ihnen ist es unbewusste Selbstproletarisierung unter internationalistischem Vorzeichen.

Im Folgenden soll es nicht um das Stück Stoff an sich gehen, sondern um die sehr viel mehr faszinierende Selbstproletarisierung mittelmäßiger Kids.

Der Nachwuchs des Bürgertums vollzieht durch die kapitalistische Aneignung, denn eine solche ist die Inbesitznahme von Symbolen differenter kultureller Äußerung durch Erwerb aus dem globalisierten Angebot zweifelsfrei, und Zweckentfremdung für eigene Absichten einen Klassenwandel. Dabei wechseln sie nicht nur unbewusst ins Lager des Proletariats, sondern schmeißen gleich noch das Konzept bürgerlicher Nationalstaaten in die Tonne. Das Symbol mit all seinen ursprünglichen Konnotationen hat auf Demonstrationen der deutschen Linken keine einzige seiner Bedeutungen als Funktion. Stattdessen wird es für eine sogenannte internationalistische Solidarität funktionalisiert und dient der Selbstdarstellung des Mittelmaßes als des besseren Proletariats. Die Aneignung des Symbols lässt bürgerliche Kids sofort in eine Art Elite-Proletariat aufsteigen – denn dieses hat sich seine Klasse selbst gewählt, im Gegensatz zum Rest der proletarischen Klasse, denen ökonomisch unterdrückt und ausgebeutet eine Wahlmöglichkeit verwehrt war.

Nun kann den Kids kein Vorwurf deshalb gemacht werden, schließlich erfolgte diese Wahl nicht reflektiert sondern unbewusst. Ein Beitritt ohne Absichtserklärung. Opfer einer internationalistischen Maschine, die sie durch Parolen verführt hat das Tuch anzulegen und auf eine Demo zu gehen, ausgenutzt aufgrund des Wunsches, sich von der eigenen gutbürgerlichen Familie abzusetzen. Zu dumm nur für die Internationalisten, dass der neugewonnene Klassenzuwachs nicht im Klassenkampf zu gebrauchen ist. Unbewusst selbstproletarisiert verbringen die bürgerlichen Kids den Rest ihres Daseins mit Unbehagen in der Mitte. Ein Unbehagen, dass sie sich selbst leider nicht erklären können, schließlich wechselt das Unbewusste nicht von selbst auf die Bewusstseinsebene – es ist ihnen unmöglich sich selbst aus Hanlosers Fängen zu befreien. Internationalisten sollten schleunigst eine Menge Psychoanalytiker rekrutieren, die das Klassenbewusstsein so bald als möglich ins Ich holen, um zu verhindern, dass die gerade gewonnenen Klassengenossen nicht ein vereintes neurotisches Proletariat bilden.

Durch den geschickten Zug der unbewussten Selbstproletarisierung werden die neuen Genossen der Möglichkeit der Selbstreflexion beraubt. Das Subjekt kann sich nicht mehr vom Anderen abgrenzen – der Weg ins Ich des Proletariats ist verwehrt, trotz generierter Zugehörigkeit. Lacans Spiegelstadium oder Althussers Ansprache werden unmöglich, alle Belange und Interessen des Proletariats finden keine Adressaten mehr. Es kann davon ausgegangen werden, dass ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz der Palituch-tragenden deutschen Linken einen bürgerlichen Background aufweist. Sie alle haben den von Hanloser deklarierten Prozess der unbewussten Selbstproletarisierung durchlaufen und verharren nun in apathischer Handlungsunfähigkeit. Diese deutsche Linke manifestiert die herrschenden Verhältnisse und rekrutiert immer neue Mitglieder für das neurotische Proletariat. Hanloser betreibt eine Absage an den Klassenkampf – er beraubt das Proletariat seines Bewusstseins und seiner Handlungsfähigkeit. Innerhalb der antiimperialistischen Linken agierend ist er für sie gefährlicher als die antideutschesten der Antideutschen. Seine Polemik gegen diese dient nur der Ablenkung von der eigenen Absicht.

Eva und das mittelmäßige Spektakel

Eva Hermann war bei Kerner. Jeder hat inzwischen etwas dazu geschrieben, ich wollte aber ein wenig abwarten, wie die Sicht auf dieses gut inszenierte mediale Spektakel ausfällt. Wie zu erwarten ist der Konsens der bürgerlichen Mitte sowie ihrer Medien, dass Eva Hermann spätestens mit ihrem Autobahneinwurf das absolute Feindbild der Sendung stellt. Die Autobahn war aber das Beste, was die Hermann in dieser Sendung angebracht hat.

Nun müssen die seltsamen und zum Teil doch wirren Ideologien, die Eva Hermann zu ihren Büchern zusammenschustert hier nicht besprochen werden, liegt doch das eigentliche Moment der Entlarvung falscher Einstellungen in ihrem letzten Einwurf, bevor sie aus der Sendung gebeten wurde. Eva Hermann hält der in der Show versammelten bürgerlichen Mitte, obwohl historisch nicht korrekt, den Spiegel vor, der das Spektakel eines mittelmäßigen antifaschistischen Tribunals enttarnt. Einschaltquoten sichernd war von vornherein klar, dass Kerner dieses Thema zur selbstgerechten Darstellung der Konsensmehrheit nutzt – spätestens wenn betrachtet wird, wer in welcher Rolle in die Sendung geladen wurde. Die große Feministin Senta Berger, die tadellose Margarethe Schreinemakers, die intellektuelle Keule – Prof. Wippermann und Mario Barth als… – ja als was eigentlich? Repräsentativ hat sich also ein als sehr fachkundig bekanntes Tribunal gebildet, um die Hermann zu läutern. Ein zusammengewürfelter Haufen Stars, die als mittelmäßige Identifikationsobjekte dienten.

Gute Vorraussetzungen also, um das Produkt „Johannes B Kerner Show“ dem Ziel bester Einschaltquoten entgegenzuführen. Die Kalkulation ging auf, nur findet die Sendung ihren einzigen Mehrwert in dem Spektakel dieser Gesellschaft. In der ganzen Oberflächlichkeit, im Konsumanspruch einer Unterhaltungssendung, betrachtet sich die Mitte selbst und weiß: mit ihr ist alles in Ordnung, das kann schließlich jeder durch die repräsentative Sendung mit vorgeblich antifaschistischen Darstellungen sehen. In der Ware „Johannes B Kerner Show“ schaut sich die Konsensgesellschaft selbst in einer von ihr geschaffenen Welt an. In der Hyperrealität ihrer Repräsentation zeichnet sie ein Bild von sich selbst, welches sie in der Realität nie einlösen könnte. Damit illustriert diese Sendung Guy Debord’s Spektakeltheorie:

Das Spektakel ist die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog.

Das Spektakel ist der Moment, worin die Ware zur völligen Besetzung des gesellschaftlichen Lebens gelangt ist. Das Verhältnis zur Ware ist nicht nur sichtbar geworden, man sieht sogar nichts anderes mehr: Die Welt, die man sieht, ist seine Welt.

Eva Hermann spielt ihre Rolle im Spektakel in der zu erwartenden Weise. Spätestens als sie mit dem völkisch motivierten Einwurf „Wir sterben aus“ auftritt erreicht dieses seine geschlossene Illusion. Alles sah danach aus, als ob die Repräsentation des antifaschistischen Gerichtshofes sein berechtigtes Bild zeichnete. Doch auf einmal kommt die Hermann mit der Autobahngeschichte. Historisch nicht korrekt – also wird sie für die Mitte völlig undiskutabel. Im Überschwang des Erfolges der Inszenierung tut Kerner das, was ihm als logische Konsequenz erschien: er schickt sie weg. Doch diese Logik stimmt nur im Spektakel selbst, wenn die Mitte von ihrem eigenen idealisierten Bild überzeugt ist. Tatsächlich zeigt sich eine Unwilligkeit auf, sich mit der eigenen nationalsozialistischen Geschichte und dessen Erbe auseinanderzusetzen. Die historische Falschheit von Hermann’s verkürzter Aussage setzt den Anker für eine Verweigerungshaltung.

Die Pläne des Autobahnbaus stammen aus der Weimarer Republik, die erste Autobahn wurde zu ihrer Zeit von Konrad Adenauer bei Köln eingeweiht. Bis dahin geht die Geschichtskenntnis der Mitte, um sich jeglicher Auseinandersetzung zu entziehen. Jedoch lagen die Pläne des Autobahnbaus nicht ohne Grund nur in der Schublade der Weimarer Republik. Der infrastrukturelle Fokus lag auf dem Schienennetz, dem Automobil wurde nicht die Bedeutung zugemessen, die einen Bau eines umfangreichen Autobahnnetzes berechtigen würde. Erst mit den Nationalsozialisten findet ein Paradigmenwechsel bei der Infrastruktur statt. Für die Nazis war die Autobahn so wichtig, dass sie Adenauer’s Abschnitt zur Landstraße erklärten und Hitler als Begründer der Autobahn inszenierten, ein Mythos, dem anscheinend auch Eva Hermann erlag und der ihren Rauswurf aus der Sendung begründete. Im dritten Reich wurde jedoch der Grundstein für ihre Mehrwertsversprechen gelegt, die zu ihrer Bedeutung in der Nachkriegszeit bis heute ihren Fetisch begründen. Die Autobahn verkörperte die Freiheiten des sogenannten Wirtschaftswunders – auf keinen Fall ist so was den Nazis zu überlassen – zum Glück gab es schon vorher Baupläne. In der Auseinandersetzung mit dem Paradigmenwechsel wäre aber auch das Eingeständnis gekommen, dass noch anderes zum Erbe der Nationalsozialisten kommt: Ehegattensplitting, Kindergeld, die Übernahme von Nazis in gesellschaftliche Funktionen. Aber es kann nicht sein, was nicht sein darf! In dieser Tradition steht auch Oettingers Versuch der Reinwaschung Filbingers.

Die Entfremdung des Zuschauers […] drückt sich so aus: je mehr er zuschaut, um so weniger lebt er; je mehr er akzeptiert, sich in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses wiederzuerkennen, desto weniger versteht er seine eigene Existenz und seine eigene Begierde. Die Äußerlichkeit des Spektakels […] erscheint darin, daß seine eigene Geste nicht mehr ihm gehört, sondern einem anderen, der sie ihm vorführt.

Die mittelmäßige Repräsentation in der Sendung lebt in ihrer Hyperrealität das vor, was gesellschaftlicher Konsens sein soll: wir sind gut, wir haben aufgearbeitet und wir sind bewusst antifaschistisch. Dabei versucht sie durch eine operationale Schließung jede weitere kritische Betrachtung jenseits ihrer eigenen Vorstellung von Antifaschismus auszuklammern. Die versammelten Medienstars in ihrer Rolle als gesellschaftliche Vertreter stecken das Spielfeld ab und illustrieren die Regeln. Doch:

In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.

Eva Hermann zeigte dem Tribunal seine Unwilligkeit auf, sich ernsthaft mit nationalsozialistischem Erbe jenseits der Schlagwörter auseinanderzusetzen und ließ das Gebäude des Spektakels in sich zusammenstürzen.

Eine weitere Sichtweise völlig anderer Argumentation mit ähnlichem Ergebnis habe ich auf http://myblog.de/nichtidentisches gefunden und möchte diese auf keinen Fall vorenthalten.

warum Paliträger gerne coole Kids wären

Gerhard Hanloser hat einen unsäglichen Text geschrieben, warum Pali-Kids doch cool wären. Neben der typischen Romantisiererei befasst sich der Text dann aber mit extrem bemühtem Antideutschen-Bashing.

Der schönste Satz des Ergusses:

Ganz im Gegensatz dazu kommen die demonstrierenden Palituch-Kids meist aus gutbürgerlichen Elternhäusern, von denen sie sich abzusetzen trachten. Bei ihnen ist es unbewusste Selbstproletarisierung unter internationalistischem Vorzeichen.

Das mittelmäßige Bürgertum proletarisiert sich also selbst, indem es sich den Antisemitenlappen umhängt. Das Proletariat wäre demzufolge per se antisemitisch, da das tragen antisemitscher Codes allein ausreicht, um zugehörig zu sein. Seltsame Kausalkette, die da generiert wird. Auch interessant, das internationalistische Proletariat setzt sich zu einem bemerkenswerten Teil aus Kids mit gutbürgerlichem Background zusammen. Allerdings fehlt diesem Proletariat dann das Bewusstsein, da die Transformation ja unbewusst mit dem Tragen des Lappens in Gang gesetzt wird. Die Palituch-tragende Linke rekrutiert sich aus der deutschen Mitte.

Bei solchen Texten muss es nicht wundern, dass ein Teil der deutschen Linken resistent gegen historische Fakten ist.

Coole Yuppies tragen Pali

Von einer Freundin bekam ich zwei Links geschickt, die einem die Sonderlichkeiten des mittelmäßigen Modegeschmacks aufzeigen. Bei einem Online Versand bestellbar, bei einem anderen als Accessoir platziert und unter dem Stichwort „herrlich einfach“ zu finden: das Palituch.

Es muß nicht immer der glatte
Harvard-Stil sein – Auch leises
Rebellentum mit Anstand überzeugt.
Ein Trend, der sich völlig
unkompliziert stylen lässt.

Keine Frage: Das Palituch ist ein Kleidungsstück mit Geschichte. In den 30ern von Amin el-Husseini eingeführt, stand es für den Widerstand gegen die „kulturelle Moderne“ des Westens. Besonders die deutsche Linke griff diese Thematik in den 70ern auf und ließ sie in ihre eigene Revolution einfließen. Ein solches Symbol für das Radikale, dessen ursprüngliche Konnotation zunehmend verblasst und sich rebellisch-nostalgisch in bunten Farben in das Modegeschehen einfügt, kann Dich durchaus auch heute noch in sehr interessante Gespräche verwickeln. Just to let you know.

Jaja, so ist sie, die deutsche Mitte. Immer rebellisch und revolutionsbereit. Natürlich muss das auch in Zeiten hochkomprimierter Stylecodes nach außen kommuniziert werden. Schließlich steckt die Mitte in einem anstrengenden Strom aus Information, Lifestyles und tollen Lebensentwürfen, der neben dem Basteln an der eigenen individuellen Karriere am Laptop ein Hoch an intellektueller Leistung abfordert – was sie als Revolutionsführer mehr als qualifiziert. Im dekodieren der Oberflächlichkeiten, einem beiläufigen Task im Betriebssystem der digital Bohéme, ist jeder dankbar, dass die sogenannte Postmoderne den Mythos anbietet alles mit allem kombinieren zu können, ohne auf ursprüngliche Bedeutungen achten zu müssen – frei nach Benjamin’s Kunstwerk im Zeitalter der industriellen Reproduktion muss das Original nur oft genug kopiert werden, um sich selbst seines Inhalts zu entleeren und als leere Hülle einen praktischen Behälter für hippe zeitgemäße Codes zu liefern.

Eine verblassende Konnotation verschwindet jedoch nie ganz im Signifikat. Wie spätestens seit Roland Barthes bekannt behält dieses augenscheinlich vorher entleerte und mit neuen spannenden Geschichten aufgefüllte Tuch seine ursprüngliche Bedeutung durchaus versteckt weiter – nähren sich doch alle neuen Mythen daraus. Jede neue Bedeutung baut auf der ursprünglichen auf und ist ein Kind derer. Das Revolutionstuch der Antisemiten findet in der Postmoderne genau dort seinen Hipnessfaktor, wo seine ursprüngliche Konnotation auf fruchtbaren Boden fällt: im stylischen Mitte, am modernisierten rechten Rand und in der deutschen Linken. Antisemitismus hat seinen braunen Makel versteckt und es gibt ihn jetzt in tollen lustigen Farben beim Modedealer deines Vertrauens.

Nun könnte man diese Betrachtung als übersensible paranoide Reaktion auf etwas abtun, was ja allseits lang bekannt ist: der Kapitalismus integriert früher oder später alles in seinen Verwertungskreislauf, was den Anschein auf Gewinn verspricht und nimmt dabei wenig Rücksicht auf ursprüngliche Bedeutungen. Die deutsche Mitte, in ihrer Mittelmäßigkeit nicht unbedingt motiviert, sich mit Details aufzuhalten, wenn es doch reicht den eigenen Status nur gegenüber der Mitte selbst zu kommunizieren, weist auf die politische Entwertung durch den Massenmarkt, das etablierte und von jeher gängige Sampling in der Modewelt, die ja selbst nur um ihrer eigenen Oberflächlichkeit willen da ist, oder das Spiel mit den Zeichen als Variablen der eigenen Individualitätsfindung hin. Auf den ersten Blick scheint das auch plausibel. Im Medienrummel von Pop und Kommerz wird schließlich offen damit kokettiert beliebig oft Äußerlichkeiten neu anzuordnen oder auszutauschen, um gewünschte Images zu generieren und glaubhaft zu vermitteln. Die generierten Konstrukte existieren in ihrer medialen Hyperrealität glaubhafter und eigenständiger als ihr Vermittler, der als Trigger in die außermediale Welt nicht etwa die Farce aufdeckt, sondern vielmehr die Grenzen verwischt. Durch den offenen Umgang der ständigen Neuerfindung und damit verbundenem Erfolg in Form von Medienpräsenz entstand die Maschine, die Bordieu’s Übernahme der Wirklichkeitsempfindung durch die Hyperrealität eine Praxis verleiht. Die retuschierten Abbilder der Models stellen das Schönheitsideal, an dem trotz offensichtlicher Falschheit die Selbstbilder der Nachahmer zerbrechen. Die Erhöhung in die Hyperwirklichkeit schafft den Fetisch, mit dem sich Umsätze und Gewinne generieren lassen. Dieser Abriss offensichtlicher und deshalb auch bekannter Praxis erklärt noch nicht, wieso das Palituch nicht einfach ein in sich bedeutungsloser weiterer kurzfristiger Modegag ist, sondern offenlegt, dass die deutsche Mitte trotz obligatorischem Leugnen dankbar Antisemitismus als neuen Stylefaktor zelebrieren kann.

Der offene und für jeden nachvollziehbare Vorgang medialen Spektakels weist jedoch alles auf, was nach Johan Huizinga zu einem Spiel gehört. Eine definierte unabhängige Spielwelt, ein Regelwerk, an das sich alle Spieler halten, Befriedigung in sich selbst und Abgelöstheit von realen Gegebenheiten. Die Parallelwelt des Spieles duldet keine Kritik von außen, was ihre Regeln betrifft. Jede Intervention muss von einem Spielverderber kommen, der alle Akteure ihrer Welt berauben, die für das Spiel nötigen und akzeptierten Regeln ändern und folglich das Spiel an sich gefährden will. Im Gegensatz zu Falschspielern, die in ihrem Betrug die Regeln immer noch anerkennen, das Spiel an sich nicht gefährden, bewegen sie sich doch selbst innerhalb dessen, muss der Spielverderber mit der Ignoranz und der geschlossenen Sanktionierung aller Akteure rechnen. Das Spiel und seine Spieler entziehen sich per se der Kritik.

Diese Mechanismen treten auch in den Reaktionen auf Kritik an der Integration des Palituches in das farbenfrohe Spiel der Modewelt auf. Das Tuch sei doch nur ein Stück Stoff in das man nicht zwanghaft etwas hineininterpretieren müsse, und wenn es doch noch eine immanente Bedeutung hätte, dann wäre die Präsenz in einer (selbstempfunden) unpolitischen Masse und die politische Entwertung durch industrielle Massenreproduktion doch der richtige Weg, um das Tuch nicht als Identifikationsmerkmal judenfeindlicher Strömungen stehen zu lassen. Genau hier tritt jedoch die Ursprungsmotivation der Träger zu tage. In der Öffentlichkeit des Spiels und seiner Komponenten macht genau das Versteckte das Tuch zum sexy Modeaccessoire für die Mitte. Nicht ohne Grund wurde genau dieses aus einem Pool unzähliger Zeichen und Utensilien revolutionärer Geschichte erwählt. Es eröffnet Möglichkeiten zielgerichteter Anschlußkommunikation und ruck zuck ist der Träger in interessante Gespräche mit coolen derealisierten Magdeburgern verwickelt, die auch gleich ein paar nette Faschisten mit an den Tisch bringen, welche sich für die besseren Ideen der Magdeburger GIS begeistern konnten. Im Kokettieren mit der antisemitischen Konnotation erhält das Tuch seinen Mehrwert, der es aus dem Angebot des Pools heraushebt und nicht etwa die Solidarisierung mit palästinensischen Flüchtlingsschicksalen sondern der Bruch des Tabus offen gezeigter antijüdischer Codes generiert seinen Reiz. Nicht ohne Grund verweist schon der Verkaufstext der Yuppie-Modeschmiede Hüftgold auf El Husseini, bei dem offensichtlich historisch keine israelkritische Position politischen Agierens des Staates vertreten werden konnte, sondern ganz klar judenfeindliche Standpunkte eine Rolle spielten. Genau in der Verteidigung des Spieles der Mode-Yuppies gegen spielverderberische Einwände tritt eine Verteidigung antisemitischer Perspektiven zu tage, die auch den kritischen Punkt kennzeichen, der Intervention zur Notwendigkeit werden lässt. Wie Huizinga schlüssig darlegt ist das Spiel nicht Produkt kultureller Äußerung, sondern generiert selbst Kultur.

Spielerisch erprobte Integration des offenen Antisemitismus in die alltägliche kulturelle Praxis entlarvt jedoch den Status Quo gesellschaftlicher deutscher Mitte.

Dazu bekam ich von einem Bekannten eine nette satirische Umsetzung zugesandt, man achte auf den Verkaufstext:

Keine Frage: Die Hakenkreuzbinde ist ein Kleidungsstück mit Geschichte: In den 30ern von Adolf Hitler eingeführt, stand es für den Widerstand gegen die Volkszersetzung durch die Juden. Besonders die deutsche Linke und Rechte griff die Thematik in den späten 90ern auf und ließ sie in ihre eigene Revolution einfließen. Ein solches Symbol für das Radikale, dessen ursprüngliche Konnotation zunehmend verblasst und sich rebellisch-nostalgisch in bunten Farben bald in das Modegeschehen einfügt, kann Dich durchaus in sehr interessante Gespräche verwickeln. Just to let you know.