der GSP zur Ideologie gelebter Verzichtsethik sich antikapitalistisch wähnender Aktionisten

Wer damit ernst macht, geht manchen Zwängen des Geldverdienens und der Karriere aus dem Weg und handelt sich dafür andere, gemessen am durchschnittlichen Lebensstandard des 21. Jahrhunderts, radikale Entbehrungen und Nöte ein. Immerhin ist, was so jemand freiwillig als alternatives Leben wählt, noch ein bisschen härter als das Elend, das der Kapitalismus anderen Leuten gegen ihren Willen und gegen alle ihre Bemühungen, Geld zu verdienen, aufzwingt, wenn die als unbrauchbar und überflüssig für das Wirtschaftswachstum aussortiert und in Hartz IV verstaut sind. Aber bitte, jeder kommt halt auf seine Weise mit den kapitalistischen Lebensbedingungen zurecht und wird nach seiner Facon selig. Auch für diesen Lebensstil ist Platz im Kapitlaismus; Bohemiens und Clochards – so nannte man früher Vertreter dieses Lebensstils – gibt es so lange wie den Kapitalismus.

Den Kapitalismus selbst greift die alternative Art, sich mit ihm zu arrangieren, in keiner Weise an. Er beruht auf der durch die Staatsgewalt gestützten Macht des Privateigentums, die Menschheit zum Dienst an der steten Vergrößerung dieser Macht, d.h. am Kapitalwachstum, zu zwingen, wenn sie Geld in die Finger und Zugang zu den käuflichen Lebensmitteln bekommen will. Diese Macht anerkennt dein alternativer Lebensstil und respektiert sie, wenn er den Dienst vermeidet und dafür auf Zugang zum Warenangebot verzichtet.

Was du „täglichen Klassenkampf“ nennst, wendet sich polemisch nicht gegen das polit-ökonomische Herrschaftssystem, sondern gegen die üblichen Versuche, damit zurechtzukommen: Dem Rest der Menschheit wirfst du Anpassung und Mitmachertum vor, und hältst es für angebracht, ihnen vorzuleben, dass man mitten im Kapitalismus ungestört von dessen Zwängen sein Leben frei, „selbstkritisch und reflektiert gestalten und selbst organisieren“ kann. Aber frag dich mal ernsthaft, wer eigentlich meint, dass er das nicht schon tut. Auf nichts sind die Menschen im Kapitalismus so stolz wie darauf, dass sie – wie du und deine Freunde – aus den oft widrigen Umständen das Beste machen und dass sie den Verhältnissen ein selbstbestimmtes, irgendwie gelingendes Leben abzuringen verstehen. Sie interessieren sich nicht für das Ausbeutungssystem, dem sie unterworfen sind, weil sie sich um den Kapitalismus nie anders kümmern als so, dass sie ihn in Chancen und Hindernisse für ihre Selbstverwirklichung einteilen und die Chancen zu nutzen und die Hindernisse zu überwinden versuchen. Eine reflektierte Gestaltung des eigenen Lebens kommt dabei immer heraus; es braucht dazu ja auch nichts als die billige Einbildung , man habe sich selbst dabei herausgesucht, wohin es einen im kapitalistischen Dschungel verschlägt. In der Überzeugung, im Leben nicht den Imperativen des Kapitals Folge zu leisten, sondern einen ganz selbst gewählten Lebensstil nach eigenem Gusto zu pflegen und „selbstkritisch und reflektiert ihr Leben zu gestalten und selbst zu organisieren“, stehen die normalen Menschen, deren angepasste Sittlichkeit du ungebührlich findest, deinen nonkonformistischen Freunden, die im Sich-Einrichten im marktwirtschaftlichen Elend das „richtige Leben im falschen“ gefunden haben, in nichts nach.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

14 Antworten auf “der GSP zur Ideologie gelebter Verzichtsethik sich antikapitalistisch wähnender Aktionisten”


  1. 1 classless 21. Mai 2010 um 14:16 Uhr

    Stimmt wohl größtenteils für die, die wirklich meinen, sich das komplett selbst ausgesucht zu haben. Aber eher nicht für die, die außerhalb von Nischen nicht leben könnten, und von denen sich manche aus höchst verständlichen Gründen z.T. einreden, es sei ihre Entscheidung, um überhaupt noch klarzukommen.

  2. 2 Esich Du 21. Mai 2010 um 15:33 Uhr

    Das Niederreißen eines vermeintlich durch Verzicht generierten Aussen finde ich ja doch sympatisch, wenngleich ein Leben des Verzichtes auf Lohnarbeit mit vollem Zeitausgleich eben doch auch was für sich hat.

    Arbeit ist eben nicht gleich Lohnarbeit!

  3. 3 K:3 22. Mai 2010 um 14:51 Uhr

    Tja. Wenn du’s gelesen und verstanden hast und auch noch teilst, was da steht… Dann ist das Abhypen jeden Genusses der noch so gerade Möglich ist, also der Hedonismus als politische Ideologie, doch auch nichts anderes als eine sau-affirmative Stellung zu den Verhältnissen in die man gezwungen ist, oder?

  4. 4 bigmouth 22. Mai 2010 um 16:06 Uhr

    “ Immerhin ist, was so jemand freiwillig als alternatives Leben wählt, noch ein bisschen härter als das Elend, das der Kapitalismus anderen Leuten gegen ihren Willen und gegen alle ihre Bemühungen, Geld zu verdienen, aufzwingt“

    notwendigerweise?

  5. 5 scheckkartenpunk 22. Mai 2010 um 19:58 Uhr

    @K:3: es geht doch nicht darum Hedonismus als „sau-affirmative“ Handlung zu blamieren, sondern darum, daß die Gestaltung des eigenen Zurechtkommens in dem Laden nichts darüber aussagt was bzw. ob man überhaupt eine Kritik am Laden selbst hat. Und die äußert sich eben nicht in Verzichtsethik und der damit verbundenen Gutfühlmentalität, daß man da immerhin nicht so richtig mitmachen würde. Das berührt eben die Verhältnisse überhaupt nicht, da die eh so eingerichtet sind, daß es solche Nischen gibt und die nichts gefährden. Das ist schlichtweg ein Moralismus, der einzelnen vielleicht hilft das alles zu ertragen, vor allem wenn das dann in ein vergleichendes Verhältnis zu dem Zurechtkommen anderer gesetzt wird. Aber es tut genausoviel dagegen – nichts nämlich.

    @bigmouth: unter der Prämisse am geschaffenen gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben: ja, notwendiger weise, weil es die Einrichtung des Privateigentums und damit des gewaltvollen Ausschlusses nicht in Frage stellt und das auch nicht will.

  6. 6 Cyrano 22. Mai 2010 um 20:29 Uhr

    „ja, notwendiger weise, weil es die Einrichtung des Privateigentums und damit des gewaltvollen Ausschlusses nicht in Frage stellt und das auch nicht will“.
    @SKP: Stehe auf dem Schlauch. Wenn ich bigmouth richtig verstanden habe, war die Frage, ob das „freiwillig“ gewälte „alternative“ Leben, notwendigerweise härter ist als das, was „der Kapitalismus anderen Leuten gegen ihren Willen und gegen alle ihre Bemühungen, Geld zu verdienen, aufzwingt“. Sehe nicht, inwieweit die Tatsache, dass das „alternative Leben“ die Einrichtung des Privateigentums weder antastet, noch es überhaupt will, verhindert, dass ein solch „alternatives Leben“ weniger hart ist als Lohnarbeit. „Alternatives Leben“ mündet doch oftgenug in kleinbürgerliches Unternehmertum, das durchaus ein einfacheres Leben (sagen wir: weniger Arbeitstunden um ein Auskommen zu sichern) ermöglichen kann als gewisse Formen der Lohnarbeit.

  7. 7 scheckkartenpunk 22. Mai 2010 um 20:49 Uhr

    @cyrano:größere Härten als den bei Hartz IV abgestellten. Daß ein alternativer Lebensstil überhaupt in Unternehmertum mündet, so ganz pauschal wage ich zu bezweifeln. Außerdem wären die dann aus der eigenen Verzichtsethik „antikapitalistisch“ zu leben draußen. das geht also nicht auf, weil die als kleinbürgerliche Unternehmer ihr Auskommen mittendrin gefunden hätten. Außerdem wäre zu klären woher die denn die Produktionsmittel hätten, um Unternehmer zu werden.

  8. 8 scheckkartenpunk 22. Mai 2010 um 21:01 Uhr

    in der Diskussion darf nicht aus den Augen verloren werden, daß es nicht darum geht wie man sich einrichtet, um mit dem ganzen zurechtzukommen, sondern was das denn zu einem Antikapitalismus, also einer Gegnerschaft zum Ganzen, beitragen würde.

  9. 9 Cyrano 22. Mai 2010 um 21:05 Uhr

    @skp: Pauschal meinte ich nicht. Allerdings: Was ist denn dann gemeint, mit dem alternativen Leben (ich lasse ab jetzt mal die Anführungszeichen weg). Vielleicht bin ich da gedanklich zu beschränkt, aber ich denke an Wagenplätze, „selbstverwaltete Kneipen“, etc… „Antikapitalistisch“ leben ist doch pure Ideologie. Daher sind dann auch die Unternehmer nicht draußen. Es kommt in solchen Fällen doch darauf an, wie sich die Leute das Leben erklären. Da wird dann Bionade-Konsum antikapitalistisch, Becks-Konsum kapitalistisch. Ich gehe also davon aus, dass Alternativer Lebensstil meist eben entweder aus zeitweiliger Lohnarbeit, einem irgendwie „gemeinschaftlichem“, aber eben zuletzt kapitalistisch orientierten Projekt, oder aber durch agrarwirtschaft reproduziert wird. Warum sollen da die Härten an sich heftiger sein als unter Harz IV? Nicht, dass ich falsch verstanden werde: ich sehe, dass das oft der Fall ist. Meist greift dann die „meine Arbeit ist mein Leben und mein Leben kann keine Arbeit sein“ Denkform, und alles ist gut;-). Aber dass es so sein muss, halte ich für nicht belegbar, es stützt auch das Argument, dass „Alternatives Leben“ eben nicht antikapitalistisch ist, ja, noch nicht mal ne Kritik am Ganzen verlangt, überhaupt nicht. Gerade dass es Nischen gibt, die sich mit den richtigen … hmm, sind das Soft skills? … eben lukrativ und scheinbar PC bewirtschaften lassen, ermöglicht ja einen Fluchtpunkt, auf den mensch (letztlich gut-bürgerlich) seinen persönlichen Ausweg aus allem was scheiße ist, projizieren kann.
    Produktionsmittel: Wo kommen die her? Verschiedene Möglichkeiten: sogenannte Freiräume werden so lukrativ, dass sie privatisiert werden, Leute gründen eine Landkommune entweder auf Kredit, oder von zusammengertragenem Kapital, KünstlerInnen habene Erfolg, und plötzlich die Möglichkeit sich, und ihr Atelier zu vermarkten…

  10. 10 LW 22. Mai 2010 um 22:36 Uhr

    Die GSP-übliche Proletkultsülze wieder mal, die das Elend der Arbeiter-Existenz romantisiert, damit auch nur ja keiner der Anhängertrottel aus der Commünisten-Laufbahn ausschert und eventuell mehr finanzielle, soziale, politische Optionen erlangt als die Sektengurus selbst, die doch in ihrer Wanderprediger- & Argument-Verbreiter-Missionars-Existenz denselben Käse fabrizieren, den sie den „Alternativen“ vorwerfen.

    Das hedonistische Independent-Pack aber sollte man nicht an seiner Lebens-FORM blamieren, sondern an seinen schwachsinnigen Kriterien & Inhalten, welche eben nicht notwendig durch jene Form hervorgebracht werden. Dies tut der GSP, wenn überhaupt, auf erbärmlichstem Niveau.

    Sehnsucht nach Ulbricht.

  11. 11 marlons mutter 22. Mai 2010 um 23:53 Uhr

    Süß, Lyzi quatscht mal wieder dazwischen!

  12. 12 Panther 23. Mai 2010 um 11:03 Uhr

    Da stimmt echt kein Satz.

    Sehnsucht nach Emoschlächtern! :D

  13. 13 Anonymous 01. November 2010 um 4:29 Uhr

    Ich finde es ziemlich lustig zu beobachten, dass die meisten Kritiker einer Boykottethik immer damit argumentieren, dass dies zu keiner Änderung der herrschenden Verhältnisse führen würde und dabei nicht bedenken, dass diese Veränderung ja gerade deswegen nicht eintritt, weil es zu wenig Menschen gibt, die sich diesem Boykott anschließen. Was wäre denn deiner Meinung nach ein effektives Mittel, um etwas zu bewegen? Nehmen wir da mal den Arbeitsstreik: Er ist ja per definitionem ein kollektiver Arbeitsboykott und kann durchaus eine Veränderung herbeiführen. Und ein Boykott eines bestimmten Produktes, wie beispielsweise Fleisch, könnte durchaus etwas bewirken, wenn er genug Anhänger fände. Da das aber nicht der Fall ist, kann man davon ausgehen, dass das Gros der Masse sich momentan in keinem mentalen Zustand für eine Revolution befindet. Dieses revolutionäre Bewusstsein muss erstmal geschaffen werden und ein Vorleben von Alternativen (beispielsweise Hausbesetzungen, Veganismus etc.) kann durchaus zu dessen Entstehung beitragen.

  14. 14 scheckkartenpunk 01. November 2010 um 9:40 Uhr

    es geht in dem text ja nicht um eine boykottethik, sondern um diese verzichtsethik. man müsse nur auf gewisse sachen verzichten und schon wäre man dem ende des kapitalismus irgendwie näher. nur daß es den verzicht auf gewisse sachen, um sich dadurch woanders ein bisschen mehr freiraum zu verschaffen schon gab, seit es den kapitalismus gibt und es diesen in keinem fall gefährdet hat.

    wenn du von boykott sprichst, dann muß man sich die inhalte des boykotts ansehen. da kommt es eben nicht drauf an den boykott per se als unnütz zu erklären (und das gegenteil ist eben genauso falsch), sondern sich mal die frage zu stellen, ob die inhalte der boykotteure einer abschaffung des kapitalismus etwas beitragen oder eben doch wieder nur dazu dienen sich selbst einzureden man hätte sich da nicht nur für sich eine erträglichere einrichtung gefunden. als autarker selbstversorger schlägt man dem kapitalismus kein schnippchen. das greift den in keinster weise an. hausbesetzungen sind quantitativ marginal und das was nach der besetzung dann wieder raus kommt, nämlich sogenannte freiräume, die ernsthaft betrachtet aber frei von gar nichts sind, in denen sich ein bisschen anders mit dem kapitalismus arrangiert wird (vielleicht), sind eben doch nur wieder eine möglichkeit sich im kapitalismus etwas anders einzurichten. da verweist nichts darüber hinaus sondern sie zeigen eine andere art auf, damit zurecht zu kommen. die existenz solcher orte kann im bestehenden durchaus angenehme seiten haben, aber am ganzen ändert das nichts. und diesen trugschluß, der dabei oft kommuniziert wird und von dem akteure ja auch überzeugt sind gilt es zu kritisieren. zumindest wenn man anderes vor hat als sich selbst eine nische zu finden.

    inwiefern veganismus ein revolutionäres bewußtsein schaffen soll ist mir unklar.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.