Was sind „neue Medien“?

Da immer wieder von „neuen Medien“ zu lesen ist oder von „Web 2.0″ – letzteres mit dem vermeintlichen Unterschied anders zu sein als ersteres – werde ich einen zweiteiligen Grundlagentext zu „neuen Medien“ hier auf dem Blog veröffentlichen. Vielfach wird von diesen Medien gesprochen – ohne das eine genaue Vorstellung davon existiert, was das denn genau sein soll. Entsprechend seltsam muten dann manchmal die Ergebnisse an.

Eigenschaften der neuen Medien
Betrachtet man den betriebswirtschaftlichen Boom der »Personalisierung«, ist man damit zugleich auf die telematische Revolution zurückverwiesen, welche dies in großem Stil technisch erst möglich gemacht hat. Ein wesentlicher Teil der ausgefeiltesten personalisierten Produktions- und Marketingkonzepte spielt sich von daher im Bereich neuer Medien ab oder steht in engstem Bezug dazu. Sei es die Webseite von Nike mit den ID-Turnschuhen, Nokias Symbian OS Engagement, personalisierte Content-Management-Systeme, News Channels, Music/Video/Print on Demand oder diverse personalisierte Werbeaktionen. Die Nutzung der neuen Medien und ihr Einfluss auf das Geschilderte bedürfen einer genaueren Untersuchung, denn es scheint, dass ihr Aufkommen in ursächlicher Beziehung mit den neu entwickelten Verlockungen der Industrie steht. Nach Lev Manovich werden neue Medien durch fünf Prinzipien bedingt, die zwar für sich auch auf anderen Feldern auftreten können, jedoch in ihrer Kombination eben das kennzeichnen, was bestimmte Medien zu »neuen« macht.

Numerische Repräsentation
Das erste und wohl grundlegendste Merkmal aller Objekte der neuen Medien ist ihre ausschließliche Komposition aus digitalem Code. Ob diese Objekte nun direkt auf dem Computer entstanden sind oder von analogen Medienquellen konvertiert wurden, sie basieren immer auf numerischer Repräsentation ihres eigentlichen Inhaltes. Entsteht so ein Objekt nicht auf Computerebene, sondern wird im Nachhinein erst Gegenstand der neuen Medien, so bedarf es der Digitalisierung des Objektes. Dabei werden die kontinuierlichen – oder auch analogen – Daten in ihre numerische Repräsentation konvertiert. Die Digitalisierung erfolgt in zwei Schritten: Sampling und Quantisierung. Zuerst werden die Daten gesamplet, die Abtastrate dabei bezeichnet die Auflösung. Dieses Sampling wandelt kontinuierliche, zusammenhängende Daten in diskrete Daten um, die in verschiedene Einheiten zerlegt werden. Danach wird jedes Sample quantisiert, das heißt es wird einem numerischen Wert innerhalb eines vordefinierten Raumes zugeteilt beziehungsweise angepasst. Bei einem Graustufenbild beträgt der Werteraum zum Beispiel 0-255, innerhalb dessen jeder Punkt seinen Wert bekommt, darüber hinaus ist kein Wert möglich.

Modularität
Das zweite Merkmal, welches die neuen Medien kennzeichnet, ist die bereits angesprochene »Modularität«. Die einzelnen Medienelemente werden als Sammlung getrennter Daten repräsentiert. Diese Elemente sind in größeren Objekten zusammengefasst, behalten jedoch trotzdem ihre Unabhängigkeit. Jedes einzelne Element kann trotz der Zugehörigkeit zu einem höher stehenden Objekt jederzeit einzeln bearbeitet, ersetzt oder gelöscht werden. Das Objekt der nächsten Ebene verliert dadurch nicht seine Funktion. Die Elemente werden einzeln gespeichert und können bearbeitet werden, ohne dass das ihnen übergeordnete Objekt geändert werden muss: die Änderung ist trotzdem auf der nächsten Ebene vollzogen. Das Löschen einzelner Elemente führt nicht zu einer Bedeutungslosigkeit auf der nächsten Ebene: Gerade die modulare Grundstruktur der neuen Medien bis in die Hardware-Ebene hinein ermöglicht es, mit Copy & Paste zu arbeiten, also collagierte, montierte usw. modulare Produkte herzustellen.

Automation
Die beiden vorangegangenen Eigenschaften ermöglichen eine Automation vieler Operationen der Medienherstellung, -manipulation und des Medienzugriffs. Über Filter, Objektgenerierung, Word Processing, Layout uvm. erlaubt die Automation die Bearbeitung von Objekten ohne menschliche Aktivität, verstanden als dauerhaft aktive Position innerhalb des Prozesses. Web Sites generieren Web-Pages »on the fly« wenn ein Besucher die Seite anwählt. Suchroutinen können ebenfalls automatisiert werden. So genannte Agents ermöglichen eine Datensuche im Hintergrund, ohne dass die aktive Mitarbeit des Users nötig wäre.

Variabilität
Objekte der neuen Medien sind nach ihrer Kreation nicht ein für allemal fixiert. Sie können in verschiedenen, auch unvollständigen Versionen existieren. Auch dies ergibt sich aus numerischer Repräsentation und Modularität. Während in anderen Medien eine Kopie immer ein identisches Abbild des Originals ist (sieht man von Qualitätsverlusten durch das Kopierverfahren einmal ab), so ist ein Charakteristikum der neuen Medien, dass hier beträchtliche Unterschiede von Original und Kopie existieren können.

Transkodierung
»Transcoding« leitet sich von »translation« (Übersetzung) und »code« ab. Nach Manovich existieren in den neuen Medien zwei parallele Schichten: die Kultur und der Computer. Ein Objekt hat immer zwei Ebenen der Repräsentation. An dem einen Ende steht die Repräsentation in für den Menschen verständlichen, jeweils kulturell vorgeprägten Strukturen, wie Bilder, Texte oder Koordinatensysteme, an dem anderen für den Computer verständliche Strukturen in Form von Binärcode, Dateigröße, -header, -typ oder Pixelwerten. Der Effekt der Transkodierung beschreibt nun Prozesse insbesondere der Übersetzung der Letzteren in die erste. Kurz gesagt: die Übersetzung der Computer-Struktur in eine für den Menschen verständliche, beeinflusst über die immer weitere Ausbreitung dieser Technologie dessen Kultur. Die Nutzung des Computers durch den Menschen verändert die Maschinen, aber auch – und viel mehr – die Menschen; auch die Arbeitswelt und die Kultur insgesamt stellte beispielsweise längst auf Modularität um.

Personalisierung und neue Medien
Aufgrund des Prinzips der numerischen Repräsentation sind Objekte der neuen Medien programmierbar. Sie können so an die unterschiedlichsten Rezeptionsbedürfnisse und -gewohnheiten des Einzelnen angepasst werden. Zusammen mit ihrer Modularität und Variabilität nehmen sie somit sehr unterschiedliche Erscheinungsformen an, am gängigsten: Texte, Bilder, Sound; diese sind dem jeweiligen Nutzer angepasst. Teile davon können skaliert, gefiltert, maskiert oder auf andere Weise bearbeitet werden, ohne dass das Erscheinungsbild für den Konsumenten insgesamt zusammenhanglos oder gar nutzlos wird. Durch die mögliche Automation können die unterschiedlichen angepassten Interfaces »on the fly« für den jeweiligen Nutzer generiert und diese Einstellungen für spätere Zeitpunkte beibehalten und gespeichert werden. Agents stehen durch programmiertes Verhalten dem User unterstützend zur Seite und übernehmen entweder Teile der Navigation, Sucharbeit oder Schreibarbeit. Als Effekt der Transkodierung ist es möglich, unterschiedliche persönliche und kulturelle Vorlieben in eine für den Computer zu verarbeitende Form zu bringen; insofern ist etwa über Betriebssysteme und »Benutzerprofile« auch die Arbeitsweise von Computern voreinstellbar.

Literatur zum Thema: Lev Manovich – The Language of New Media. Cambridge, Mass. 2001

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

1 Antwort auf “Was sind „neue Medien“?”


  1. 1 Medienkritik 19. Dezember 2008 um 2:14 Uhr

    In der neuen PHASE 2 gibt es dazu auch einen Artikel in kritisch-analytischer Absicht.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.