Einführung in die Antipsychiatrische Theorie – 12. März K9

Auch ich war auf dieser beispielsweise hier angekündigten Veranstaltung. Die Antipsychatrischen Theorien kannte ich in ganz groben Ansätzen aus einer Einführungsvorlesung zu Gilles Deleuze und Felix Guattari, die ja doch einiges lesenswertes fabriziert haben. Also lag es nahe diesen Grobanriß auf der angebotenen Veranstaltung etwas zu vervollständigen. Das dann gebotene Szenario entäuschte allerdings und wird von Dissidenz so gut beschrieben, daß eine eigene Ausführung obsolet wird. Dazu gibt es eine gute Recherche zu Punkten, die in Einwürfen aus dem Publikum kamen sowie zu den Bemerkungen einer seltsamen Besucherin, die in der Anschlußdiskussion ein sehr surreales Moment generierte, hatte ich die von ihr angesprochenen Thematiken so nicht an dem Abend erwartet, aber wie bei Dissi zu lesen ist lag das eher an meiner Unkenntnis der Materie als an der Thematik selbst.

Kritische Stimmen gab es schon im Vorfeld, wie hier bei Raumzeit.

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6 Antworten auf “Einführung in die Antipsychiatrische Theorie – 12. März K9”


  1. 1 Difficult is Easy 14. März 2008 um 16:16 Uhr

    hast du dir mal den artikel von raumzeit durchgelesen? das is keine kritik, das einfach hetze gegen alles was radikal links sein könnte. der erste satz sagt ja schon alles, OMG, da sind linke am werk, die finden eh alles doof.
    als argument gegen die antipsychiatrie wird dann dieses zitat aufgefahren:
    „Ein Recht auf Psychose wäre wie ein Recht auf Krebs!“

    psychose is krebs, muss rausgeschnitten werden, steckt am ende noch andere an.
    exterminate, annihilate, destroy.

  2. 2 scheckkartenpunk 14. März 2008 um 18:10 Uhr

    hab ich, im nachhinein – und mit dem was auf der vorlesung präsent war ist es schon so, daß „linke“ die den hang zu verschwörungen haben für die antipsychatrie auch nicht zuträglich sind.

    daß die antipsychatrie selbst auch zu schlüssen kommt, die unerträglich sind kann bei cooper nachgelesen werden (ich glaube in „der tod der familie“). ich habe mir leider das zitat nicht aufgeschrieben, aber sinngemäß hat er ausgesagt, daß die psychatrie die versuche der nazis in den kzs aussehen läßt wie einen kläglichen versuch. wenn sich dann cooper als kritiker der psychatrie mit linkem und revolutionärem bezug versteht – dann gibt es durchaus berechtigte kritik an der „linken“, zumindest an denen, die da in das selbe horn stoßen. weil dann hinterfragt werden muß, was diese mit einer antipsychatriehaltung denn überhaupt will, um was es ihr denn eigentlich geht.

    david wichera musste sich auch beständig von einwänden in diese richtung distanzieren. er hat coopers zitat auch als kritikpunkt aufgeführt – was nicht von allen anwesenden so gesehen wurde (irren-offensive). und daß eine pauschale forderung des „rechts auf irre-sein“, welche dann mitschwang nicht im sinne der antipsychatrie ist läßt sich daran erkennen, daß auch ihre theoretiker durchaus an therapien gearbeitet haben. diese haben nur die psychatrie an sich mit ihrer stigmatisierung, der krankheitserklärung, praxis und falschem ansatz kritisiert. der umgang der gesellschaft mit dem wahnsinn hat sich in der modernen geändert und ist zu kritisieren, was nichts daran ändert, daß es diesen auch schon vorher gab. für die damals als „besessene“ gesehenen ist das auch nicht folgenlos geblieben.

    was dann im umfeld „radikaler linker“ kritik an der psychatrie auf einmal so mitspielt, kann sehr gut im artikel bei dissidenz nachgelesen werden. von thomas szaz bis scientology ist dann auf einmal alles mit dabei, wenn es nur gegen den staat geht „der seine bürger psychatrisieren will“ (diese äußerung ist so wirklich gefallen). wie gesagt – nicht vom referenten, aber von „aktivisten“ aus dem publikum. daß der staat allerdings ein interesse daran hat sein menschenmaterial arbeitsfähig zu halten und dieses einer solchen aussage diametral gegenübersteht läßt doch schon erkennen, daß es einige der „kritiker“ lieber mit verschwörungstheorien halten, anstatt wirklich zu kritisieren.

    dazu kommen hanebüchene statistiken wie beispielsweise, daß die suizidrate nach einem psychatrieaufenthalt doppelt so hoch wäre wie vorher. während die suizidrate danach ja auf die anzahl entlassener patienten (welche eigentlich – die anzahl aller oder die anzahl der suizid gefährdeten) gerechnet werden kann, wie ist diese zahl auf das „vorher“ zu erheben? es kann davon ausgegangen werden, daß die aus der psychatrie entlassenen zumindest zu einem teil schon vorher suizid gefährdet waren – also die psychatrie wirkungslos war. da kommt von einem teil doch nur noch verschwörungstheoretisches geschwafel, anstatt sich wirklich ernsthaft mit dem gegenstand auseinander zu setzen.

    daß die psychatrie mit ihrer allmacht der erklärung des krankseins, der unmündigkeitserklärung ihrer patienten sowie ihrer methoden sowohl in der praxis als auch als gesellschaftliches phänomen zu kritisieren ist steht doch außer frage. unzweifelhaft gibt es trotzdem menschen, die sich in ihrer krise unwohl fühlen.

    daß raumzeit die antipsychatrie an sich eben überhaupt nicht kritisiert und ablehnt läßt sich doch schon in seinem artikel erkennen. darin als auch bei dissident hebt er hervor, daß beispielsweise das weglaufhaus eine positive einrichtung ist. das zitat mit dem krebs halte ich auch für daneben.

    das ist ja keine kritik an antipsychatrie an sich – die kritik der psychatrie an sich ist ja durchaus nötig.

  3. 3 w 14. März 2008 um 23:38 Uhr

    was mir noch nicht klar geworden ist:
    hat wichera jetzt auch solch revisionistischen müll vertreten oder kam das nur aus dem publikum? und wenn letzteres zutrifft, was wären dann die punkte in seinem referat, die interessant waren bzw an die man anknüpfen kann?

  4. 4 scheckkartenpunk 17. März 2008 um 13:34 Uhr

    wichera selbst hat sich ausdrücklich davon distanziert. daß revisionismus aber immer im antipsychatriediskurs eine rolle spielen wird zeigt, daß cooper als einer der wichtigsten theoretiker auf dem gebiet gilt und die äußerung aus seinem lsd-schwangeren buch „der tod der famlilie“ (welches laut wichera merklich von seinen anderen abweicht und wohl viel esoterische momente und schwafelei aufweist) immer anschluß für revisionisten bietet.

    interessantes (neues) gab es meiner meinung nach nicht so viel. es war eine einführung – und die leider auf dem stand der 60er/70er – also unberücksichtigt aller reformen, die bis jetzt stattgefunden haben.

    in kurzfassung:

    - die mittel der analyse der psychatrie sind abzulehnen, da diese eine naturwissenschaftlichkeit vorgaukeln. dabei illusioniert die psychatrie ursachen anhand von symptomen erkennen zu können, ohne daß es überhaupt eine wirkliche erkenntnis über die ursachen gibt. über diese gibt es nur vermutungen, die dann aber anhand einzelner symptome in der summe auf einmal einen eindeutigen behandlungsweg und vor allem eine diagnoseberechtigung ergeben sollen.

    - die aufspaltung des subjektes zur analyse, um dann isolierte symptome betrachten zu können ist abzulehnen. eine betrachtung hat im sozialen umfeld des betroffenen in seiner gesamtheit stattzufinden. diese aufspaltung führt dazu, daß die symptome objektiviert werden und eine behandlung nicht mehr am subjekt sondern an den einzelnen symptomen stattfindet. werden diese unterdrückt gilt das subjekt als „gesundet“.

    - die psychatrie versucht die krise zum stillstand zu bringen und nicht die betroffenen durch die krise zu begleiten, so daß für diese eine verbesserung eintreten würde.

    - die diagnosen entbehren jeder substanz. es gab versuche bei denen sich menschen ohne krise mit einem vorwand (stimmen hören etc.) eine psychatrische diagnose „erschummelt“ haben, um sich ab dann in der behandlung völlig normal zu verhalten. niemandem ist aufgefallen, daß diese menschen überhaupt keine krise haben.

    - die mittel der psychatrie (elektroschocks, lobotomie, starker psychopharmakaeinsatz) wären abzulehnen. wobei sich hier schon der widerspruch auftut, daß die antipsychater psychopharmaka trotz anderem grundsätzlichen standpunkt einsetzten. sie sind sich ebenso nicht sicher, wie sich die psychatrie nicht sicher sein kann.

    - es fehlt bei allen eine wirkliche theoretische ausarbeitung (das wurde von wichera auch kritisiert). am weitesten geht cooper dabei, der die familie als ursache der krisen ausmacht. allerdings gerät dieser dann wieder ins schwafeln, in dem er diejenigen, die sich von ihrer familie lösen per se zu revolutionären subjekten erklärt.

    - nur laing und cooper distanzieren sich von der bezeichnung der schizophrenie als krankheit. in grunde geht es allen eher um einen anderen umgang mit den betroffenen, nicht um eine analyse der ursachen (außer cooper, aber der blieb wohl auf halben wege stehen).

    - seit den 70ern gibt es wohl keine weitere ernsthafte theoretische kritik mehr an der psychatrie, weshalb nach wie vor auf diese 3 klassiker zurückgegriffen wird. hier ist auch der kritikpunkt am referat: der status quo wird nicht berücksichtigt, es wird alles aus einem veralteten standpunkt der 70er heraus betrachtet, obwohl es seit dem schon starke veränderungen in der psychatrischen praxis gab. diese wurden jedoch nicht angesprochen.

    - ich sehe da nicht viele lohnenswerte anknüpfungspunkte außer der grundsäzlichkeit, daß die psychatrie als institution mit ihrer praxis zu kritisieren ist. alles weiterführende, was dann auch als gesellschaftskritik taugen würde ist zumindest bei den 3 besprochenen theoretikern für mich nicht zu erkennen. das war vielleicht auch das anliegen wicheras, der sich enttäuscht darüber äußerte, daß antipsychatrie in linker theorie keine große rolle spielen würde – solange in der linken aber augenscheinlich seltsame revisionisten ein vorrangiges interesse an antipsychatrischer theorie haben stellt das nicht unbedingt ein unglück dar.

    - zu kritisieren an ihm sind auf alle fälle aussagen, die auch undifferenziert ereignisse für den zweck der antipsychatrie vereinnahmen. beispielsweise dämonisierte er prozac mit der begründung, daß alle amerikanischen schulattentäter prozac-konsumenten gewesen wären. genauso instrumentalisieren computerspielegegner diese amokläufe für sich mit der begründung, daß alle egoshooter spielten.

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