das lysische Paradoxon

Ich glaube, da liegt ein Irrtum vor: ich bin kein Lacanianer. Ich teile die Leidenschaft Žižeks für Lacan nicht. Interessant ist aber, dass man Žižek trotzdem mit Gewinn lesen kann.

Zizek ist kein Psychoanalytiker, er ist Soziologe.

Zwei Artikel mit Zizek Zitaten und bekennender Zizek-Vielleser. Soweit so gut, nur kann ich nicht nachvollziehen, wie Zizek gelesen werden will, wenn die lacanianische Begriffswelt inklusive ihrer Bedeutungen grundsätzlich abgelehnt wird. Ist doch ein Fokus Zizeks die Übertragung von Lacans Psychoanalyse auf andere Bereiche und seine Texte strotzen nur so von Begriffen wie Symptom, „das Andere“ und „das andere“, Verwerfung oder RSI (das Reale, das Symbolische und das Imaginäre). Die Erklärung Zizeks zum Soziologen macht diesen nicht dazu. Zizek studierte bei Lacanianer Jacques-Alain Miller und gilt als Anhänger der slowenischen-lacanianischen Schule (Laibacher Lacan Schule). Er betätigte sich auch auf soziologischem Gebiet, allerdings ist er doch mit seinem Werk eher philosophisch ausgerichtet. In Soziologie hat er einen Bachelor-Grad. Seinen Magister (1975) und seinen Doktor (1981) machte er in Philosophie. Darauf folgte 1985 der Doktortitel in der Psychoanalyse. Er hat Professuren in den Fakultäten der Soziologie, Psychoanalyse und Literaturwissenschaften. Das macht ihn für mich sehr viel mehr zum Psychoanalytiker und Philosoph als zu einem Soziologen. Und wenn Soziologe, dann auf Basis der lacanschen Psychoanalyse.

Sein Werk spricht hier ebenfalls in eine Richtung. Auszug:

„Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! : Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien“
„Der Erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus“
„Die Metastasen des Genießens : sechs erotisch-politische Versuche“
„Die Nacht der Welt. Psychoanalyse und Deutscher Idealismus“
„Das Unbehagen im Subjekt“
„Ein Triumph des Blicks über das Auge: Psychoanalyse bei Alfred Hitchcock“
„Die Tücke des Subjekts“
„Willkommen in der Wüste des Realen“

Soziologie anyone?

Bin mal gespannt, wie sich das in den Kommentaren auflösen soll.

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10 Antworten auf “das lysische Paradoxon”


  1. 1 unkultur 19. Februar 2008 um 15:53 Uhr

    Hehe… genau diese Frage stellte sich mir auch. Zumal der Anteil von Psychoanalyse im Vergleich zu anderem Freudomarxismus bei Zizek deutlich höher liegt. Aber Lysis erfindet ja die Psychoanalyse ohne Freud.

  2. 2 $a 21. Februar 2008 um 2:10 Uhr

    Zizek ohne Freud…wer weiß, vielleicht ist der Papst ja auch gar nicht katholisch?

  3. 3 lysis 21. Februar 2008 um 3:48 Uhr

    Wie würden Sie irgendeinem Nachbarn die Lacan-Version der Psychoanalyse erklären? Kann man das überhaupt?
    Ja, das muss möglich sein. Zuerst muss man fast alles vergessen, was man von der Freudschen Psychoanalyse gehört hat – die Sache mit den unbewussten Trieben usw.

    http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=12511&CategoryID=62

    Danke für die Steilvorlage!

  4. 4 scheckkartenpunk 21. Februar 2008 um 14:54 Uhr

    deshalb bezieht er sich trotzdem beispielsweise auf freud’s symptom, kommt also nicht ohne freud aus. eben „fast alles“ – nicht alles und damit ist freud mit im boot.

  5. 5 lysis 21. Februar 2008 um 20:03 Uhr

    oh, ich schmeiß auch nur „fast alles“ von freud weg. ist freud bei mir damit auch im boot?

  6. 6 scheckkartenpunk 21. Februar 2008 um 20:22 Uhr

    wenn ich jetzt darauf eingehe, dann droht mir wieder die verleumdung in form eines artikels mit beleidigungen, projektionen und unwahrheiten. das langweilt mich aber, da es mir um die sache an sich geht und nicht um befindlichkeiten.

  7. 7 scheckkartenpunk 21. Februar 2008 um 21:01 Uhr

    ich habe zizek genau einmal verwendet in meinen texten (mit seinem modell der geldinhaberposition, und das finde ich nach wie vor gut) – für dich werde ich zu einem gefolgschafter und zizek fan. nur weil ich die position vertreten habe, daß man zizek folgen können muß (gedanklich, in den begriffswelten, in der konstellation des lacanschen dreiecks, in seinem verständnis der psychoanalyse) um zu verstehen, was er meint, dieses überhaupt einordnen und damit auch die eignung von fragmenten prüfen zu können (die es selten ohne erläuterung gibt). selbstverständlich auch, um seine beiträge, die oft hanebüchen sind wie die hamburger bahnhofsgeschichte, bewerten zu können. letztere ist eine gute illustration eines symptoms mit einer falschen beschreibung historischer gegebenheiten. was die modellhafte beschreibung des symptoms nicht schlecht macht – aber die wörtliche verwendung seiner phantasterei grundweg inhaltlich falsch ist. aus dem „gedanklich folgen“ machst du eine gefolgschaft. als ob zizek ein prophet für irgendetwas wäre und ich hier irgendwo einen schrein für ihn eingerichtet hätte.

    so verhält es sich mit vielem, was er zu papier gebracht hat. gerade seine äußerungen über politische vorgänge sind oft fragwürdig – aber zizek ist kein politikwissenschaftler. er benutzt, um zu illustrieren. ihm geht es um anderes – was ihm vorzuwerfen ist, ist genau das, dass er seine illustrationen nicht mehr prüft und in kauf nimmt, daß diese unhinterfragt wörtlich verwendet werden.

    zizek eignet sich für abstrakte modelle – er als zitat eignet sich nicht für die bewertung realer politischer situationen. zizek kann gelesen werden, aber dann muss er dabei auch verstanden werden – und danach ist eigentlich klar: zizek findet verwendung für abstrakte modelle – für alles andere ist er nicht zu gebrauchen.

    wenn ich schon ein blinder gefolgsmann zizeks bin – wie verhält es sich mit dir und freud?

  8. 8 ml 27. Februar 2008 um 13:58 Uhr

    schon klar.was man nicht versteht, kann man auch nicht anwenden. allerdings glaube ich schon, dass es möglich ist, mit zizeks einsichten und zitaten politik zu betreiben – oder halt philosophie.

  9. 9 scheckkartenpunk 27. Februar 2008 um 15:02 Uhr

    er kann sicher dafür verwendet werden. nur denke ich, dass gerade bei zizek eine erläuterung zu dem zizat kommen muss, so ganz isoliert ein fragment seiner fahrigen ausführungen – ohne dass der leser des zitates das dann selber einordnen kann (mal davon ausgehend, dass er selbst nicht unbedingt zizek liest). weil er halt oft konstruiert und sich in kurzen passagen nichts selber erklärt. vor allem – wer nicht weiß, daß zizek oft halbwahrheiten drin hat, der kann so ohne weiteres mit einem bloßen ziztat in die irre geführt werden. wenn sich augenscheinlich widersprechende zitate zizeks gegenübergestellt werden (die sich ja auch noch über verschiedenen werke ziehen können), dann wird manchmal erst klar, worum es ihm geht.

    muss nur mal das video mit seiner toilettenanalyse auf youtube und seine ausführung dazu in bezug auf ideologie beim an sich ideologiefreien vorgang „scheißen“ angesehen werden. seine toilettenanalyse und seine behauptungen, daß die toiletten länderspezifisch anders wären, weil kulturbezogen anders mit dem stuhlgang umgegangen wird ist doch quatsch. als ob die deutschen ihren stuhl jedesmal vorm spülen labortechnisch untersuchen würden. es stimmt natürlich trotzdem, daß das subjekt auch beim scheißen nicht aus ideologischen konstruktionen herauskommt, sich in einem ideologischen raum befindet. der vorgang an sich ist trotzdem ideologiefrei.

    der zettelkasten zu „dreizehn versuche“ is ja leer. :(

  10. 10 ml 01. März 2008 um 11:04 Uhr

    nja, ich war mir ob des zettelkasten wegen dem urheberdings nicht so sicher. wenn ich mal dazu komme, bastel ich dass so, dass ihn angemeldete menschen sehen können, und schreibe daran auch weiter. da ich die 13 Versuche vor Jahren schon gelesen habe, ist der drang des nochmal lesens grad nicht so groß. zurzeit häng ich an dem karatanis fest…

    das mit den toiletten ist natürlich so eine sache. stimmt schon, dass die sehr unterschiedlich sein können, und ich habe wenige länder gesehen, in denen es so eine auflage gibt. allerdings messe ich dem ganzen auch keinerlei bedeutung bei.

    das problem mit zizek ist halt, das die meisten deutschen übersetzungen mistig sind (auch die von 13 versuche).

    was das mit der praktischen umsetzung angeht: man kann das spiel auch mit marx, hegel oder irgendwem machen – nur ein zitat hinknallen und sagen, dieunddie hat das gesagt, hilft halt nicht. praktische umsetzung geht nur über das komplette weglassen von zitaten.

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