Wunschmaschine Subjekt und die Subjektivität

Standpunktwechsel – alles eine Frage des Subjekts?

Im Technologiediskurs und in der Soziologie vor allem der 80er und 90er Jahre wurde die These vertreten, dass das Subjekt durch Technologie verändert und dadurch eine neue Art von Subjekt konstituiert werde. Als allgemeine Grundannahme galt im Anschluss an McLuhan: Denken, Bewusstsein, Subjektivität und Ich sind durch Technologie veränderbar und in Technik nutzenden Gesellschaften stets bereits verändert. Die Subjektivität erscheint als Medium, in dem die Verbindung der einzelnen Elemente Ich, Subjekt, Bewusstsein, Selbstbewusstsein, neurologische Aktivität, Wahrnehmung, Person und Individuum relativ frei aushandelbar sind. Dabei steht die Subjektivität im Zentrum der Debatte um die Verhandelbarkeit von Technologie und Subjekt-Status. Im Diskurs um ihre direkte Veränderbarkeit durch Technologie geht es immer auch um die industriell intendierte Formung von Subjekten zu Konsumenten.

Die Frage nach der Veränderbarkeit stellt sich vor allem bei der: a) Externalisierung von Funktionen und Eigenschaften durch Technologie und b) Delokalisierung, Dezentralisierung und Fragmentierung des Subjektes selbst. Hier setzt Stephan Geene an und untersucht in seinem Buch money aided ich-design Möglichkeiten der Subjektkonstituierung durch Technologie. Sie beinhaltet ein Mehrwertversprechen, persönliche Attribute auszulagern oder extern verhandelbar zu machen. Die Gentechnologie beispielsweise vermittelt durch ihre Syntax und ihre Codes eine technologische Bestimmbarkeit des Subjektes. Sie bedarf in ihrem Verständnis der Annahme, dass ihre technologischen Parameter mit den Parametern von Personen übereinstimmen. Die Darstellung des Genoms als eine Abfolge von Codes, die das Werden und das Sein des Einzelnen in seiner Entwicklung bestimmen und dessen technologische Analyse und »Entschlüsselung« lassen es als eine vom Körper abgetrennte Gegebenheit erscheinen. »das menschliche Genom wird in Computersimulationen als durch gentechnologische Eingriffe problemlos kombinierbar suggeriert.«7 In der öffentlichen Darstellung der Gentechnologie wird eine unüberprüfte Gleichsetzung von Genom und »zugehörigen« individuellen Eigenschaften vorgenommen: »Weit davon entfernt, eine [genetische, d. Verf.] Bestimmbarkeit von individuellen Eigenschaften bisher experimentell nachgewiesen zu haben, führt bereits die diskursive Vorwegnahme dazu, Eigenschaften imaginär zu vergegenständlichen. Das Genom erscheint als eine vom Körper abgetrennte Gegebenheit, wie eine Steuereinheit, die zu manipulieren wäre.«8 Daraus ergibt sich für das Subjekt die Annahme einer Veränderungsmöglichkeit des Selbst durch Veränderung des extern dargestellten Gen-Modells als eines Zugriffs auf sich selbst. »Das Phantasma der ›Rekodierung‹, des Umschreibens, der Manipulation ist in der Logik der Darstellung bereits angelegt.«9 Allerdings setzte ein Selbstbezug des Gen-Modells bereits eine Selbstreflexion voraus. Das Selbst ist bei der Betrachtung der technologischen Simulation schon vom Subjekt erkannt, ist also schon vor dem Eintritt der technologischen Apparate eine (gedachte) Substanz.

Wie sieht es mit dem direkten Durchschlag von Medientechnologie auf die Subjektivität des Einzelnen aus? Gerard Raulet unternahm eine soziologische Überprüfung medientheoretischer Spekulationen.10 In seiner Untersuchung steht das dezentralisierte Subjekt im engen Zusammenhang mit der Delokalisierung von Prozessen. Kommunikation läuft nicht mehr ortsgebunden ab. Der Standort von Kommunikationspartnern ist inzwischen durch technische Möglichkeiten egalisiert. Ob man sich gegenübersteht ist für eine funktionierende Kommunikation nicht mehr wichtig, ob man fährt, steht, fliegt, schreibt oder spricht, spielt keine Rolle mehr. Der Kommunikationsgrund muss ebenfalls nicht mehr im eigenen Lebensumfeld geschehen sein. Der Marktplatz als Ort der öffentlichen Kommunikation ist durch einen Kommunikationsraum abgelöst, der keinerlei Ursprungsörtlichkeit mehr impliziert. Ebenso verhält es sich mit Produktion und Konsum. Alles kann theoretisch überall hergestellt und gekauft werden. Die Stätten des Konsums gleichen sich weltweit immer mehr an, organisatorisch gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Shopping Malls in Stuttgart, Louisville, Bombay oder Singapur. Ehemals lokale »Spezialitäten« sind fast überall erhältlich. All dies führt Raulet zur Annahme eines entwurzelten, dezentrierten Subjekts. Geene widerspricht dem: Deshalb von einer »Delokalisierung« des Subjektes zu sprechen, sei empirisch fragwürdig, da lokalspezifische Kulturäußerungen zwar überall erhältlich sind, jedoch ist aufgrund dessen die Annahme eines »delokalisierten Empfindens« oder gar einer dem entsprechenden Subjektkonstitution doch weit hergeholt. Man weiß, dass man sich in einem Supermarkt in Stuttgart befindet, auch wenn man sich in der asiatischen Spezialitätenabteilung aufhält. Auch die Umgestaltung im »Lebens-Dekor«, wie zum Beispiel fernzusehen anstatt eine Unterhaltung zu führen oder auch die Assoziation der Heimat nicht mehr über die Nachbarn herzustellen (die man kaum kennt oder noch nie gesehen hat), lässt an sich noch nicht unbedingt auf ein delokalisiertes Subjektempfinden schließen.

Die Medienrealität, etwa des Fernsehens, schafft eine Grundlage für soziale Interaktion. Man unterhält sich untereinander über Sex And The City anstatt über Geschehnisse aus dem direkten Lebensumfeld. Eine Rest-Echtheit erfüllt diese Triggerfunktion des im Leben-erlebens. Doch außerhalb der Wohnung ist schon der Hausmeister im Treppenhaus ein lokal-reales Phänomen oder Problem, unsere Rückversicherung, dass wir nicht in einer durch Medien generierten Realität leben. Man weiß überwiegend, dass man lebt, und dass das gelebte Leben das eigene ist.

Folgt man dem Modell eines dezentralisierten Subjektes weiter, so heißt es, dass sich durch postmoderne Displayarchitekturen mit ihren dezentrierten Bilderwelten die Wahrnehmung der Umwelt und dadurch des Subjektes selbst verändere. In Musikvideos und Werbeclips, in Filmen wie Tarantinos Pulp Fiction mag man dezentralisierte und fragmentierte Wahrnehmung beobachten, aber lässt dies grundsätzliche Rückschlüsse auf die Erfahrungen und die Selbstwahrnehmung des Subjektes zu? »›Wir‹ können in den meisten Momenten problemlos kohärent durch Städte gehen + trotz Lichtdisplays oder Plakatwänden wissen, wer wir sind«.11 Trotz veränderter Erzählstrukturen und Hypertexten kann man die Mitteilungen geschlossen auf sich kanalisieren. »Nur weil die Subjekte von dezentrierten Bilderströmen umgeben werden, bedeutet das gerade nicht, dass sie ebenfalls in Auflösung aufgehen.«12 Vielmehr verstärken sie eine monolithische Subjektwahrnehmung. Sherry Turkle kommt bei ihren Betrachtungen der Beziehungen von Usern mit Computern allgemein und dem Internet im Besonderen zu dem Schluss, dass Nutzer dieser Technologie hier in der Lage seien, ihre Identitäten selbst zu konstruieren und zu wechseln.13 Das Internet ermutige die User, Identitäten als flexibel und vielgestaltig zu sehen, das »Real Life« nur als ein weiteres Fenster zu betrachten. Damit steht Turkle stellvertretend für eine populäre Position in den Achtzigern und Anfang der Neunziger, welche die große »Hoffnung Internet« und damit verbundene Wünsche für eine neue Subjektwahrnehmung und -konstitution vertrat. Ihre Arbeit baut auf Interviews und Selbstauskünften von Usern auf. Diese Methodik setzt aber schon eine Selbstanalyse der Identitätsbildung bei den Befragten unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten, und damit eine vorherige Kenntnis des Identitäts- und Subjektdiskurses, voraus. Die Bandbreite der Befragten, die vom Dreizehnjährigen über Chemiestudenten bis zu Programmieren geht, ist ebenso zufällig wie fragwürdig. Auffallend oft geht es dabei nicht um eine neue, andere Identität, sondern nur um Rollenspiele. User spielen verschiedene Rollen durch, ohne Gefahr zu laufen, dass das Spiel aufgedeckt wird. Die virtuelle Existenz ermöglicht eine Reflexion unterschiedlicher Rollen. Doch wie diese selbst gewählte Rolle auszusehen hat, welche Handlungs- und Kommunikationsmuster dieser immanent sind, ist natürlich schon vorher im User festgeschrieben. Dieser projiziert die eigenen Bilder und Erfahrungen auf die jeweilige Rolle. Die Kommunikation von zwei Individuen beispielsweise, die ihr Geschlecht für ein Rollenspiel tauschen, baut auf dem Rollenverständnis des Geschlechts vom jeweils anderen Standpunkt betrachtet auf. Die eigene Sozialisation ist trotzdem nach wie vor gegenwärtig, und in den gespielten Frau-Mann Konstrukten wird das idealtypische Rollenbild eher überzeichnet. Ein Mann, der vorgibt, eine Frau zu sein, verhält sich, um das zu vermitteln nach einem ihm gängigen Mann-Frau-Schema. Getauscht wird hier also nur die sprachliche Äußerung, die jeweils eigenen Identitätskonzepte bleiben weiterhin in der Welt. Auch im Rollenspiel ist man mit sich selbst identisch. Geene schlussfolgert, dass diese Maskeraden nicht zu einer Aufgabe traditionell-einheitlicher Identitätsvorstellungen führen, sondern lediglich einen bestimmten Punkt im Subjekt privilegieren – die Ich-Verwaltung bekommt disponible Eigenschaften.

Der User ist sich jedoch während des ganzen Spieles immer bewusst, dass er als Ganzes vor dem Bildschirm sitzt und er sich weder im Netz aufteilt, noch nach dem anstehenden Verlassen des Bildschirmes die durchgespielten Rollen weiterleben kann. Außerhalb des Netzes ist er dieser Eine, der sich vorher an den Rechner gesetzt hat. Die Rollenspiele selbst erfüllen, selbst während der Nutzung des Computers, nie den Tatbestand einer differenten, konstruierten Identität. Selbst während eines Rollenspiels bleibt das Subjekt »mit sich identisch«. Die Technologie stellt hier lediglich ein abstrakteres Handlungsfeld zur Verfügung. Gleiches gilt auch für Personen, die ihre Arbeit oder Sozialität über Computernetze abwickeln. »Daraus ergeben sich Rückenprobleme, aber keine Subjektsklerose.«14 Das Subjekt hat vielmehr ein sehr starkes Eigeninteresse, bei aller Dezentralisierung und Delokalisierung als Einheit erkannt zu werden und will ja gerade adressierbar bleiben: Die nicht mehr an den Körper gebundene Kommunikation macht eine ganzheitliche »Adresse« nur umso wichtiger.

Geene räumt allerdings ein: Die Tatsache, dass wir nicht wie die technologischen Medien werden, nur weil diese da sind, bedeutet keinesfalls, sie strahlten nicht auf unser Selbst aus. Zwar kann man die technologische Entwicklungen nicht gleicherhand den Subjekten zuschreiben, falsch wäre es jedoch auch, nicht zu erkennen, wie sehr die Medien, die urbanen und die Arbeits-Verhältnisse bei der Entstehung von Subjektivität involviert sind, da Subjektivität nichts Natürliches, sondern etwas Gemachtes, kulturell Konstituiertes ist.15

7 Stephan Geene: money aided ich-design. Berlin 1998, S. 23
8 ebd. S. 23
9 ebd. S. 70
10 vgl. ebd. S. 78 – 80
11 ebd. S. 77
12 ebd.
13 Sherry Turkle: Leben im Netz – Identitäten in Zeiten des Internet. Hamburg 1999
14 Stephan Geene: money aided ich-design. Berlin 1998, S. 84
15 vgl. ebd. S. 82 – 83

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