gestern in der Zielona

Mittwoch – ein guter Tag zum Konsumieren! Also ab in die Kluft der Digital Bohéme, um gleich mal die Anschlußkommunikation im Kiez zu erhöhen. Hat letztens schon sehr gut geklappt, als ich am Fischladen vorbeiging und ein Mädel in schicken Hippie-Ökoklamotten mit Sauerkrautfrisur laut skandierte „Du bist ein Burger, denk mal drüber nach!“ Das habe ich dann natürlich auch sofort getan. Burger sind zwar nicht so mein Ding, aber erfreuen sich ja bekanntermaßen einer recht großen Beliebtheit. Das hob mein Selbstwertgefühl umgehend und ich wollte ihr schon freudiger weise danken. Leider schien ihr der Sternburger auf ihrem Tisch dann wohl aber doch attraktiver und so unterband sie jeglichen Anschluß sofort indem sie hinterherlallte: „Aber das kannst du eh nicht, also lass es.“ Na gut, schade, ich hatte schon den Eindruck endlich in der individualistischen alternativen Szene der Friedrichshainer Hausbesetzungsnachfolger angekommen zu sein. Wäre mit Hippiestyle und Wursthaaren wahrscheinlich besser, da das Individuelle dann eine bessere Schnittmenge geboten und die Reflexionsfähigkeit ganz klar kommuniziert wäre. Wahrscheinlich wäre ich dann aber kein Burger mehr gewesen und ein Gespräch wäre ausserhalb der Planung gewesen. Nicht einfach hier im Kiez.

Aber vielleicht ja diesmal. Also ab in den Fischladen. Dort angekommen und die Tür geöffnet schallte einem sofort die unerträgliche Unaufdringlichkeit von MNML entgegen. Nicht etwa spannendes wie Steve Baxter oder Plasticman aus meiner Jugend sondern die konsensuelle Beliebigkeit des aktuellen Trends – naja – egal, dann soll der DJ mal ein bisschen in der Bar üben, irgendwo muss ja in der Laufbahn vom Schlafzimmer aus der Kontakt zu Publikum hergestellt werden. Der Fischladen war erstaunlich gut gefüllt und die Masse an äußerlichen Codes ließ auf hoffnungsvolle Studenten schließen, die sich erst im musikalischen Reflexionsprozess befinden. MNML eignet sich mit seinen Loopstrukturen natürlich gut dafür, läßt er doch viel Raum und Zeit in seiner Unauffälligkeit, um nach einem überstandenen Abend zu bemerken, dass er selbst keinen Höhepunkt zu bieten hatte. Hat was von Kaufhausmusik, die soll ja angeblich mit ihrer Unaufdringlichkeit auch die Konsumbereitschaft fördern. Aber dann konsumiere ich doch lieber Extasy und steig in den eigenen Loop ein, von mir aus auch mit loopendem MNML synchronisiert – nur ist der Fischladen dann leider von seiner Räumlichkeit eher ungeeignet. Naja, Friedrichshain kann sich mit seiner lokalen Nähe zu Mitte den Trends nunmal nicht ganz entziehen.

Also an die Theke, erstmal ein Bier, Alkohol hebt die Toleranzgrenze. Hm, wie? Solibeitrag für den DJ? Eine Finanzierung übender DJs in einer Lokalität ohne Tanzmöglichkeit schien mir dann doch nicht so attraktiv, lernt man doch im Kapitalismus sein aus Lohnarbeit stammendes Geld in Dinge zu investieren, die einem die Unerträglichkeit des Seins versüßen sollen. Also PK22 – kickern. Dort angekommen und an der Theke ein Erfrischungsgetränk bestellt musste ich feststellen, dass unter der Ansammlung am Kicker ein Mensch war, der kickern nicht zum Spaß betreibt sondern als unbezahlte Arbeit mit Erfolgsdruck betrachtet. Hatte ich doch schon gegen ihn gespielt und er sich seine Überlegenheit durch – in unermüdlicher Geduld – eingeübte Winkelschüsse über diverse Banden ins Tor gesichert. Ich bin schlecht im kickern, doch nirgends kann man in der Kurzweiligkeit so viel Spaß am eigenen Scheitern haben. Jedenfalls dann, wenn der überlegene Gegner einem die Illusion bewahrt, dass man noch einen gewissen Einfluss auf den Spielverlauf hat und man sich ab und an ein paar kleine Erfolgserlebnisse sichern kann. Ist bei dem Menschen aber ausgeschlossen, also war’s das am Kicker. Zwei Runden Schach, bis das Getränk gelehrt war und dann in die Zielona.

Hier ergab sich ein bezauberndes Bild vieler lachender Menschen. Von drinnen wurde der Grund der Ausgelassenheit erkenntlich – Sing Star auf der PS2. Dazu die Hits der 1980er und 1990er. Obwohl musikalisch anders sozialisiert musste ich feststellen, dass ich nicht nur alles kannte, was da lief sondern zu einem großen Teil auch noch mitsingen konnte. Die große Schnittstelle des genialen Spieles – keiner hat den Kram gehört, aber jeder kann mitmachen. Die generierte Atmosphäre sorgte dafür, dass hier nun endlich der gewünschte Anschluss entstand und nette Plaudereien entstanden, die mein Spaßkonsumbedürfnis vollends befriedigten. Dann kam das Angebot zur Integration: „Wollt ihr auch mal singen?“ Schlagartig wurde man sich seiner Inkompetenz bewusst ausgelassen die Peinlichkeitsgrenze zu überschreiten. Überdeutlich glaubte ich auf der Beamerfläche „You fail“ zu lesen. Naja, ein anderes Mal. Gehört die Zielona doch zu den Orten, in denen ich immer Spaß haben kann.

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3 Antworten auf “gestern in der Zielona”


  1. 1 dextro 11. Oktober 2007 um 18:28 Uhr

    shit, wär da gestern auch fast noch im fischladen vorbei gegangen..
    hatte aber heut morgen nen termin und mußte fit sein.

  2. 2 Administrator 11. Oktober 2007 um 19:18 Uhr

    ja shit, das nächste mal sagste aber Bescheid ;)

  1. 1 Rave ist kein Hobby 5 | Scheckkarte Als Passion Pingback am 28. November 2007 um 0:21 Uhr
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